Adventskalender 2025

im Schaufenster
Texte aus Lieblingsbüchern illustriert von Marisa Meroni, Debora Gerber, Sarah Büchel und Peter Lüthy

Die Wälder, das Gestein, die Insekten, die wilden Flüsse, die Gletscher, die Gipfel und das dichte, dichte Grün unter dem endlosen Sternenhimmel. Das alles gehört allen!
Daraufhin schweigen beide. 
Und die Erde schweigt mit.

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Ich habe eine Schwäche für Rezepte, die ihre Zutaten in etwas Grösseres als die Summe ihrer Teile verwandeln, also ist es ganz logisch, dass ich Freude daran haben, Meyer-Zitronen einzusalzen und dadurch haltbar zu machen.

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Liebe ist das, was die meisten von uns jeden Tag tun, so unvollkommen und unmerkbar es sein mag.

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Eigentlich gehe es hier gar nicht ums Gemüse, habe mal ein Mitglied gesagt, erzählt mir Marion später. Und sie gibt ihm recht. Die Intention des Radieslis sei ein anderes Wirtschaften, eine andere Form, miteinander umzugehen. »Das Essen ist ein sehr guter Ansatz, wenn du etwas verändern möchtest. Sei es als Konsument:in, indem du schaust, wo du deine Lebensmittel einkaufst, oder eben für uns als Produzierende, die so sorgfältig wie möglich Lebensmittel anbauen. «

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Sie zeichnete täglich, zu Mutters Gram auch am Sonntag, und meistens zehn Stunden lang. Zuweilen war es ihr, als wüchsen Stuhl und Tisch an ihrem Körper fest, als schlüge sie Wurzeln. Vielleicht war sie wirklich von pflanzlicher Art.

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Es ging darum, mit seinen Worten den Übergangsbereich zu berühren. Die unsichtbare Nahtstelle zwischen den Welten des tatsächlich Geschehenden und des möglich Gewesenen. Wie ein Kletterer durfte man von diesem Grat nicht abrutschen und weder in den Himmel reinen Wortgeklingels noch in die Faktenhölle des gelebten Lebens stürzen. Der Kletterer blieb stehen, indem er gleichzeitig auf beide Seiten fiel. Escher vermutete, dass es dieselbe Nahtstelle war, an der alle Ideen und Erkenntnisse zu Hause waren. Man durfte sich nicht von den Fakten entfernen, aber auch nicht daran kleben. Es ging einzig und allein darum, sich absichtslos in der Nähe aufzuhalten.

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Als wir das letzte Mal in Japan waren, erzählt Lili, war Blütezeit. 
Mama blütet auch jeden Monat, wie die Bäume.
Das ist vergleichbar, sagt Lili, wir Frauen blüten jeden Monat, die Bäume nur einmal im Jahr.

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Alle paar Jahre entwerfe ich mir eine neue Handschrift, enthäuten sich meine Buchstaben, aber nur die Lateinischen. Die arabischen bleiben unverändert. Bis heute schreibe ich die arabischen Buchstaben mit der Handschrift eines Vierzehnjärigen. Das ist mein Alter, als mein letztes Grosselternteil stirbt und ich aufhöre, regelmässig Briefe in den Iran zu schreiben.

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Vermeide gerade Linien und gleichmässige Schnitte und bringe dein Essen lieber in hübsch unregelmässige Stücke, Bröckchen und Wirbel. Lass dich beim Zerkleinern von der natürlichen Form des Lebensmittels leiten.

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Ein Rausch; das höhenkranke Heimweh im Weltraum ist wie eine Droge. Der Wunsch, gleichzeitig nicht hier sein und für immer hier sein zu wollen, das Herz ausgehöhlt vor Verlangen, nur dass es keine Leere ist, sondern eher das 

Wissen darum, wie viel hineinpasst.

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Als mitten in der Nacht ein Aprilhagel gegen die Fenster prasselte und Fritzi wach lag und besorgt über die Zukunft und überwältigt von der Gegenwart ihrem schlafenden Sohn zusah, sagte Güneş, ohne zu ihr herüberzuschauen: »Ich kann gar nicht glauben, dass so ein Engel zur Hälfte von so einer Gurke abstammt.«

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… Der Gutschein gilt nur für dieses Sandwich hier, sehen Sie?« Sie deutet auf ein Foto auf der Speisekarte. »Kopfsalat, hartgekochtes Ei, Tomate, Gurke, Mayonnaise. Wenn Sie andere Zutaten wollen, gilt der Gutschein nicht.«
»Aber ich will gar keine anderen Zutaten! Ich will bloss, dass Sie die Gurke weglassen.«
»Dann ist es aber ein anderes Sandwich. Ohne Gurke ist es ein anderes Sandwich. Dann nimmt das Gerät den Gutschein nicht an, verstehen Sie?«
»Das Gerät nimmt den Gutschein nicht an?« Martina lacht nervös. »Das ist doch absurd, hören Sie, sagen Sie mir, dass das nicht absurd ist.«

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Frauen, vermute ich, werden deshalb in allem so gut, weil man es ihnen so schwer macht.

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